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Sandra del Pilar

schreibt über ihre Arbeiten:


„Das Gerippe im Grabe ist so wenig der Tod, als mein fühlendes Ich dies Gerippe ist.“ (Joachim Fest)


... und doch geht seine Symbolform ständig schwanger mit Trauer, Tragik und Tabu. Dabei ist das Abstraktum Tod doch nichts anderes die ewige Komplementärexistenz des Lebens. Und wenn er über uns, die wir uns in unserem irdischen Dasein so ernst nehmen, lacht, weil er weiß, dass letztlich er den Triumph davontragen wird, kann ich da nicht auch über ihn lachen? Zumindest so lange, wie ich noch lachen kann? Zumindest so lange, wie ich noch ein Bewusstsein habe? Zumindest so lange, wie ich mir eine Welt erschaffen kann, die meinen Gesetzen, meiner Zeit und meiner Logik gehorcht? Der Tod hat mir mein Ich geschenkt. Die Kunst schenkt ihm das Leben. Warum eigentlich nicht?


Das Leben ist ebenso wie die Kunst eine Frage der Wahrnehmung; die Wahrnehmung ein Zusammenspiel aus sinnlichen Erfahrungen und ihrer internen Deutung, welches von temporalen, topographischen und genetischen Bedingungen bestimmt wird. Und das Bewusstsein ist die Fähigkeit, jene eng gesteckten Grenzen individueller Lebensbedingungen zu sprengen: Wir machen uns die Vergangenheit zu eigen, obwohl wir sie nie erlebt, blicken in die Zukunft voraus, obwohl wir sie noch nicht gelebt haben; eignen uns Wissen über Orte an, an denen wir nie waren und interpretieren die Gefühle anderer Menschen, obwohl wir sie nicht kennen. In Wahrheit jedoch wissen wir nichts, können nur spekulieren über die wenigen Dinge – oder sind es viele? –, welche über die fünf Sinne zu uns durchdringen. Das ist also unsere Verbindung zur Welt: Augen, Nase, Mund, Ohren und Hände. Ist das zu wenig, um zu behaupten, man wüsste? Vielleicht. Sicherlich aber nicht zu wenig, um Fragen zu stellen. So wie ich. In meinen Bildern, die sich mit eben dieser Sinnlichkeit und damit mit der Wahrnehmung als solcher auseinander zu setzen versuchen. Ich möchte den optischen Reiz grau-blauer Schatten auf glatter weißer Haut zeigen, den zarten Linienfluss eines weichen Gewandes, das spröde Geräusch von über den Boden schabender Knochen, den schalen Geschmack, den man verspürt, wenn man sich beobachtet fühlt, und den Geruch der Einsamkeit. Und doch sind meine Bilder nur Bilder. Keine Wiedergabe der realen Wirklichkeit, sondern nur Farben, die in einer bestimmten Abfolge und Anordnung auf einem Stück Stoff verteilt wurden; zweidimensionale Objekte, die eigenen Gesetzen gehorchen und die nichtsdestotrotz in Verbindung mit der Wirklichkeit stehen, sei es aufgrund der Tatsache, dass sie aus Materialen bestehen, die unserer Realitätsebene angehören, sei es, weil sie Erinnerungen an etwas hervorrufen, das man zu kennen glaubt oder sei es, weil sie in demjenigen, der sich auf einen gewissenhaften Dialog mit ihnen einlässt, etwas fühlbar machen. Dann hätten sie etwas erreicht, was über die traditionellen fünf Sinne bereits hinausgeht. Soviel zur Form.

Über die Inhalte und Sujets meiner Bilder möchte ich nicht viel sagen. Nur soviel, dass mich im Rahmen der Wahrnehmungspsychologie interessiert, inwiefern abgebildete und damit eigentlich lediglich auf ihren Symbol- und Erinnerungswert zurückgeworfene Gegenstände, bestimmte Wirkungen hervorzurufen in der Lage sind. In diesem Zusammenhang erarbeitete ich eine Reihe von Bildern, die Zitate aus der Kunstgeschichte aufgreifen, sie jedoch in einen derart fremden Kontext stellen, dass sich zwischen Altbekanntem und Ungewohntem immer neue Spannungsfelder ergeben, die auch temporär zu interpretieren sind: Klassische Männerportraits werden mit weiblichen Zügen und Attributen versehen; imaginierte Gesichter oder Gesichter aus meinem Bekanntenkreis werden in ihrem Ausdruck derart verfremdet, dass sie ihre altmodischen „Verkleidung“ konterkarieren. Ein weiteres zentrales Thema meiner Arbeit ist der Tod, nicht als persönliche Erfahrung, sondern als abstraktes Gedankenkonstrukt. Im Gegensatz zu der Tatsache, dass „Tod“ eigentlich nichts anderes als eine Bezeichnung für die Abwesenheit von Leben ist, also ein vollkommen abstrakter Begriff, wird er in meinen Bildern personifiziert und verlebendigt, um die erstarrten Verhaltensmuster, welche dem Abstraktum Tod gegenüber häufig gezeigt werden, zu hinterfragen.